Rezension

Belladonna // Karin Slaughter

Sara Linton ist in der Kleinstadt Grant County nicht nur die Kinderärztin in dem kleinen örtlichen Krankenhaus, sondern hat auch den Posten der Gerichtsmedizinerin inne. Nach einer Scheidung von ihrem Exmann Jeffrey, der Polizeichef in der Stadt ist, lebt sie nun alleine. Eines Nachmittags trifft sie sich im Diner mit ihrer jüngeren Schwester Tessa. Als sie zur Toilette geht, findet sie dort die fürchterlich missbrauchte Universitätsdozentin Sybil Adams. Die blinde Frau blutet stark und wurde offensichtlich auf brutalste Art vergewaltigt und aufgeschlitzt. Ein Hauch Leben ist noch in ihr und Sara versucht verzweifelt, der jungen Frau das Leben zu retten. Vergeblich…

Der Mörder hat seinem Opfer unaussprechliche Qualen zugefügt

Doch der Schrecken ist für Sara damit noch nicht beendet. Während der Obduktion findet Sara weitere grausige Details heraus. Der Täter muss christlich motiviert gewesen sein, denn er hatte Sybil die Oberkörper in Form eines Kreuzes aufgeschlitzt. Außerdem hatte er sie auf brutalste Weise für seine sexuellen Begierden benutzt. Und schließlich handelt es sich bei dem Opfer auch noch um die Zwillingsschwester von Lena, einem Detektive. Dann verschwindet eine zweite Frau…

Karin Slaughter scheint nicht der Typ Autor zu sein, der seine Leser behutsam an die Hand nimmt und ihn dann in die Geschichte rein führt. Eigentlich schubst sie einen direkt ins Geschehen und sie ist wohl auch kein Fan davon, erst einmal lang drum herum zu reden. Innerhalt der ersten paar Seiten hat die erste Frau bereits sterben müssen und das auf wirklich nicht ganz unblutige Art und Weise. Bisher dachte ich immer Cody McFadyen sei der brutalste Thrillerautor, aber Karin Slaughter kann es wahrlich mit ihm aufnehmen.

belladonna

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Eine (Ex-) Liebelei zwischen Polizist und Gerichtsmedizinerin

Allerdings hatte sie mich damit von der ersten Seite an. Auch wenn es sich „krank“ anhört, aber zwischenzeitlich können die Buchmörder ja nicht mehr außergewöhnlich genug töten. Und das hat seinen Grund: es bleibt dem Leser in Erinnerung, so makaber wie das auch klingen mag. Mich hat es zumindest soweit gebracht, dass ich die Geschichte innerhalb kürzester Zeit weginhaliert habe.

Dass die Protagonistin und ihr Exmann auch beruflich miteinander zu tun haben und als Gerichtsmedizinerin und Polizist sich nicht aus dem Weg gehen können, ist allerdings nicht unbedingt die neuste Idee. Das hat man nun schon das eine oder andere Mal gesehen. Und auch, dass beide Parteien noch nicht so recht abgeschlossen haben mit der zurückliegenden Ehe…. kommt bekannt vor, oder? Aber Slaughter hat das gut gemacht, denn mit Kitsch hat sie so gar nichts am Hut. Im Gegenteil: Sara ist nach dem Seitensprung ihres Mannes etwas zynisch geworden und handelt nach dem Motto „hilf dir selbst“. Gerade diese Kaltherzigkeit, die da immer wieder hervor blitzt, machte Sara aber dann wiederum wieder sehr sympathisch, da kein Mensch perfekt ist. Wobei sie mich damit auf der anderen Seite wieder an Gerritsens Protagonisten Maura Iles erinnerte.

Ein kleines Spannungstief, aber im Großen und Ganzen eine solide Leistung

Dafür war die Spannung und das Knistern zwischen Jeffrey und Sara genau richtig dosiert. Slaughter macht keine kitschige, pinkfarbene Romanze aus diesem Handlungselement, sondern schafft eine solide Vertrauensbasis zwischen den beiden, die hier und da noch einen Sprung vom Seitensprung weg hat. Trotzdem merkt man, dass sich die beiden nicht egal sind und wenn es tatsächlich eine Szene zwischen ihnen gab, dann war da auch ein Kribbeln zu spüren.

Ein klitzekleines bisschen ist der Spannungsbogen in der Mitte des Buches abgesackt. Und was die Vorbereitungen zum Finale anging, da wurde es dann ein wenig konfus. Nicht so, dass man die Geschichte nicht mehr hätte nachvollziehen können, aber schon so, dass ich mich ein oder zwei Mal gefragt habe, ob ich irgendwo einen Gedankengang überlesen hatte. Da hat sich Karin Slaughter scheinbar etwas selbst im Weg gestanden und hat schneller gedacht, als sie schreiben konnte. Der Lesefluss stellt sich aber auch genauso schnell wieder ein und man ist wieder voll drin in der Geschichte.

belladonna

Karin Slaughter schafft es, sich von Kollegen abzugrenzen

Belladonna unterscheidet sich von seinen Mitkonkurenten also nicht unbedingt hinsichtlich der Charaktere und auch vom Schreibstil her muss man sagen, dass der wirklich in Ordnung war, aber keine krassen Besonderheiten aufweist, um sich erheblich abzusetzen. Was ist es also? Slaughter hat hier einen besonders brutalen Killer geschaffen, dem sie auch einen ausgefeilten Hintergrund verpassen konnte. Jeder Aspekt seiner Taten hatte einen Hintergrund für ihn. Nichts war einfach nur eingefügt worden, weil es blutig und brutal war und der Leser damit geschockt werden kann. Ich meine, natürlich war es heftig und nichts für schwache Nerven. Aber es war nicht grundlos blutig und erschreckend.

Auch wenn Tess Gerritsen weiterhin DIE Thrillerautorin für mich ist und bleibt, kann Karin Slaughter schon ein klitzekleines bisschen an ihrem Stuhl sägen. Wer im Thrillergenre zuhause ist, der wird über kurz oder lang an ihr nicht vorbei kommen. Und den Auftaktband der Grant County-Reihe kann ich nun auch wärmstens empfehlen. Wer einiges vertragen kann und wer auch kein Problem damit hat, auf Schlaf zu verzichten, weil man das Buch einfach nicht aus der Hand legen kann, der wird mit Belladonna einen Volltreffer landen.


Belladonna | Karin Slaughter
zwischenzeitlich Blanvalet | 2012 | 480 Seiten | #1 der Grant County-Reihe
Original: Blindsighted | übersetzt von: Teja Schwaner
erhältlich als: Taschenbuch | eBook
Weitere Meinungen zum Buch: Shelly Booklove | Belles Leseinsel

Hier klicken für die Reihenfolge der Grant County-Reihe
belladonna Teil #1
Belladonna
belladonna Teil #2
Vergiss mein nicht
belladonna Teil #3
Dreh dich nicht um
belladonna Teil #4
Schattenblume
belladonna Teil #5
Gottlos
belladonna Teil #6
Zerstört


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8 Kommentare

  • Antworten Elli 1. September 2017 at 11:14

    Hi Nelly,
    eine absolut coole Rezension! Da habe ich direkt Lust, das Buch nochmal zu lesen. Die ganze Reihe entwickelt sich noch so cool weiter. Ich liebe es einfach wie Slaughter es schafft, einem die Charaktere so nahe zu bringen; dann dazu noch ein paar grausame Morde; perfekt!
    Es freut mich wirklich, dass dir das Buch so gefallen hat und hoffe, dass die nächsten Bücher dich auch begeistern werden.
    Liebe Grüße,
    Elli

    • Antworten Nelly 1. September 2017 at 16:30

      Huhu liebe Elli!
      Vielen Dank für Dein Lob! Ich bin wirklich gespannt, wie es weiter geht. Vor allem, nachdem Du schon wieder voller Elan berichtest 😀
      Dieses Mal dauert es auch nicht so lange, das verspreche ich…

      Alles Liebe, Nelly

  • Antworten Kitty 1. September 2017 at 13:08

    Ich freue mich sehr, dass dir das Buch gefallen hat, Liebes. Ich weiß noch, wie ich den ersten Anlauf gestartet habe: Bei der ersten Autopsie habe ich es weggelegt, weil ich es so ekelig fand. Muss dazu sagen, ich war frisch in der Ausbildung und habe das Buch während meiner Mittagspause gelesen. Das war nicht so schlau. 😉 Heute stört mich das allerdings nicht mehr.
    Du hast Recht: Karin Slaughter kann in der Tat mit McFadyen mithalten. Ich kann mich da gar nicht entscheiden, wen ich von beiden lieber lese. Die haben beide was. 😉
    Hab ein schönes Wochenende.
    Alles Liebe
    Kitty ♥

    • Antworten Nelly 2. September 2017 at 13:29

      Hallo Liebes!
      Ich glaube, wenn man neu im Thrillergenre ist, dann ist Slaughter wirklich heftig. Da würde ich weder sie noch McFadyen empfehlen. Da sollte man vielleicht mit etwas weniger Brutalem einsteigen.
      Mein Alltime-Favorit bleibt allerdings Tess Gerritsen. Sie hat meine Thrillerliebe geweckt und seither steht sie irgendwie auf einem kleinen Treppchen und da kommt keiner hin. Aber Slaughter wird nun wohl einen festen Platz in meinen Leseplänen bekommen 😀

      Alles Liebe, Nelly

  • Antworten PetraL 2. September 2017 at 1:01

    Huhu Nelly,
    das ist eine tolle Rezension. Ich lese Karin Slaughter auch super gerne und bin schon gespannt, wie dir die weiteren Bände gefallen werden! Für mich sind Tess Gerritsen und sie auch die Thriller – Queens:-)
    Liebe Grüße, Petra

    • Antworten Nelly 2. September 2017 at 14:55

      Vielen Dank für Dein Lob, liebe Petra!
      Die beiden Damen können sich wirklich miteinander messen, oder? Bin zwischenzeitlich auch ein großer Slaughter-Fan und freue ich schon darauf, weiterlesen zu können. Hast Du die ganze Reihe gelesen?

      Alles Liebe, Nelly

  • Antworten Neri von Leselaunen 2. September 2017 at 13:48

    Ich bin mit Karin Slaughter nie so richtig warm geworden. Aber das Buch klingt wirklich nach meinem Geschmack.

    Neri, Leselaunen

    • Antworten Nelly 2. September 2017 at 17:10

      Welche Bücher hast Du denn von ihr gelesen? Bin momentan etwas skeptisch, ob ich es mal mit einem ihrer Einzelbände versuchen soll?

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