Rezension

Die Hebamme // Kerstin Cantz

Marburg, 1799: Seit Ärzte die Geburtshilfe zum akademischen Fach erheben, finden Entbindungen im Gebärhaus statt – unter menschenunwürdigen Bedingungen, wie die Hebammenschülerin Gesa bald herausfindet. Deshalb vertrauen sich die Marburgerinnen lieber der geheimnisvollen Elgin an, auch wenn die Obrigkeiten das Wirken der erfahrenen Hebamme als Pfuscherei abtun. Als die selbstbewusste Elgin sich weigert, mit dem Gebärhaus zusammenzuarbeiten, kommt es zu einem folgenschweren Machtkampf …

Ein junges Mädchen in der großen Stadt

Gesa Langwasser hat bei ihrer Tante das Handwerk der Hebamme erlernt. Nach deren Tod soll sie die neue Dorfhebamme werden, die Frauen haben sie gewählt. Doch aufgrund neuer Verordnungen muss nun jede Hebamme eine Prüfung ablegen. Hierfür muss Gesa nach Marburg ins Gebärhaus, um dort noch weiterzulernen, um anschließend ihre Prüfung abzulegen. Doch das Gebärhaus hat einen schlechten Ruf. Nur Frauen, die ihre Kinder unehelich empfangen haben, begeben sich dort hin. Die Bedingungen für eine Geburt dort sind menschenunwürdig.

Sämtliche Medizinstudenten sind dabei anwesend und dürfen zu Lehrzwecken auch die Schwangere betasten. Alle anderen Marburger Frauen schicken in den Wehen nach Elgin Gottschalk, einer Hebamme mit hervorragendem Ruf. Doch das Leben in Marburg hält so einige Geheimnisse bereit. So darf niemand wissen, dass die Hausmagd des Töpferers ein uneheliches Kind zur Welt gebracht hat. Und dann verschwindet ebenfieses Kind plötzlich spurlos. Auch die Affäre, die Elgin mit dem Apothekersohn Lambert unterhält, muss geheim bleiben. Immerhin ist dieser ja bereits einer andere Frau versprochen.

die hebamme

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Angepasster und gut lesbarer Schreibstil

Gleich zu Anfang ist mir sehr positiv der Schreibstil von Kerstin Cantz aufgefallen. „Die Hebamme“ ist mein erstes Buch von ihr gewesen, daher musste ich mich in ihre Art zu schreiben erst einmal reinfinden. Sie hat wirklich versucht, ebendiese Art auch der Zeit der Handlung anzupassen. Und ich finde, dass ihr das wirklich gut gelungen ist. Zwar lässt sich dadurch das Buch nicht mal so eben nebenbei lesen, sondern mal muss sich stellenweise schon auf die Sätze konzentrieren. Die anspruchsvollen Sätze machen aber auch den Charme des Buches aus.

Allerdings muss das Buch doch mit einem gewissen Maß an Aufmerksamkeit gelesen werden. Auch das Thema mit dem sich dieser Roman befasst, konnte mich gleich von Anfang an fesseln. Cantz schafft es, dass vor allem der weibliche Leser absolut dankbar ist, in der heutigen Zeit zu leben. Die Autorin scheint sich wirklich mit diesem Thema auseinander gesetzt zu haben und stellt die Schrecken, welche damals eine Geburt mit sich bringen konnte, bildlich dar. Die Geschichte wird in mehrere Handlungsstränge unterteilt, die sich immer wieder kreuzen. Dadurch wurde es eigentlich nie langweilig. Mehrere Elemente wurden eingebracht, so zum Beispiel eine kleine Liebesgeschichte, ein Krimi, viel Historisches… Dabei hat Cantz genau das richtige Gewicht zwischen diesen Elementen gefunden. Keines wurde überwiegend dargestellt oder ging unter.

Nicht erfüllte Hoffnungen

Wie bereits oben gesagt, wurde das Buch in mehrere Handlungsstränge unterteilt, wobei jeder Handlungsstrang seinen eigenen Protagonisten hat. Ein Strang dreht sich um Gesas Erfahrung im Marbuger Gebärhaus, ein andere beschäftigt sich mit dem Leben und Walten der Stadthebamme Elgin, wieder ein anderer greift die Leidenschaft des Apothekers Lambert auf. Obwohl mir diese Idee eigentlich gut gefallen hat und das Buch damit recht kurzweilig blieb, haben mich manche Sprünge in der Handlung doch etwas verwirrt. Manchmal wusste ich erst nach einigen Seiten, um welchen Charakter sich die Geschichte gerade dreht. Auch die Geschichte um das Hausmädchen, welches unehelich gleich zu Anfang der Story einen Jungen auf dem Dachboden ihres Brotherrn zur Welt bringt, nachdem sie aus dem Gebärhaus geflohen ist, fand ich etwas unvollendet.

die hebamme

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Da diese Geschichte gleich zu Anfang angerissen wurde und auch der Klappentext dahingehend einen kleinen Krimi verspricht, hätte ich mir da mehr erhofft. Nachdem ihr Kind plötzlich verschwunden ist und sie hat die Flucht aus dem Gebärhaus auf sich genommen hat, dachte ich, dass eventuell irgendwelche Intrigen oder dergleichen noch aufkommen. Aber gerade diese Geschichte verliert sich irgendwann. Auch der Verbleib des Kinders… entweder ich habs überlesen oder vergessen. Auf jeden Fall meine ich zu glauben, dass da überhaupt keine Aufklärung mehr kam. Schade, da wäre wirklich Potenzial gewesen.

„Die Hebamme“ war der erste historische Roman, den ich seit langer Zeit gelesen habe. Und er hat es geschafft und mir wieder Lust auf mehr solcher Bücher gemacht. Zwar weist die Geschichte die ein oder andere Schwäche auf, aber das hab ich schon viel schlimmer gelesen. Auch Kerstin Cantz Bemühungen um Authenzität muss man anerkennen. Dort ihre ganz eigene Art, die Geschichte zu erzählen, schafft sie es, den Leser mit ins Jahr 1799 zu nehmen. Wer Bücher dieser Art mag, wird mit diesem Buch seine Freude haben.


Die Hebamme | Kerstin Cantz
Diana | 2007 | 416 Seiten | Einzelband
erhältlich als: Taschenbuch | eBook


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