Rezension

Die Spur der Kinder // Hanna Winter

Vor einigen Monaten musste Fiona die schlimmste Erfahrung machen, die eine Mutter je machen können wird. Sie verlor ihr Kind. Die kleine Sophie war mit ihrem Vater auf dem Spielplatz. Als dieser einen Moment nicht aufpasste, verschwand das kleine Mädchen spurlos. Als Fiona kurz darauf durch einen Kurierdienst eine weiße Lilie geschickt bekam, war ihr klar, dass ihr kleines Mädchen einem Serientäter zum Opfer gefallen ist. Immer wieder verschwinden Kinder mitten in der Öffentlichkeit und tauchen nicht mehr auf – weder tot noch lebendig.

Der größte Schmerz einer Mutter

Nachdem Fiona auch nach längerer Zeit noch mit ihrem Verlust kämpft, verschwindet ein weiteres Kind aus dem gleichen Kindergarten, in den auch Sophie ging. Wieder steht der Polizist vor der Tür, der bereits Sophies Verschwinden bearbeitet hat. Und alle Gefühle kommen wieder hoch…

Als Leser wird man direkt mitten in die Geschichte reingestoßen. Fiona ist seit dem Verschwinden ihrer Tochter dem Alkohol verfallen und die Beziehung zu ihrem Verlobten hat sich merklich abgekühlt. Die Schriftstellerin hat seit dem schrecklichen Tag keine Zeile mehr aufs Papier gebracht und verbringt ihre Tage damit, auf dem Kinderspielplatz zu sitzen und dort das Treiben zu beobachten. Lediglich der attraktive Kommissar scheint Fiona aus ihrer Lethargie reißen zu können – doch der kommt mit schlechten Nachrichten.

die spur der kinder

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Zuviele Köche, die den Brei verderben?

Hanna Winter erzählt ihre Geschichte aus einer Vielzahl von Sichten. So gut wie jeder handelnde Charakter bekommt mal die Möglichkeit, sich zu äußern. Mir persönlich war das ein wenig zu viel. Zwar wird ein Großteil der Geschichte aus Fionas Sicht erzählt, doch immer wieder wechselt eben die Erzählsicht. Manche Charaktere kommen, soweit ich mich erinnere, gar nicht öfter als einmal zu Wort. Dieses ständige Hin und Her muss man mögen…

Doch nicht nur die Erzählung an sich war stellenweise etwas durcheinander. Auch die Geschichte selbst hat bei mir immer mal wieder das Gefühl ausgelöst, dass hier der rote Faden fehlte. Anhand des Klappentextes konnte man ja ahnen, dass es hauptsächlich um die Entführung der Kinder geht. Und dass Fionas Beziehung dabei auch eine Rolle spielt, die nach einem solchen Schicksalsschlag heftig bröckelt, gab dem Buch an sich auch einen ganz authentischen Touch. Nur macht es lange Zeit den Eindruck, als würden da mehrere Handlungsstränge nebeneinander herlaufen. Doch gleichzeitig ist auch klar, dass diese Stränge irgendwie zusammenhängen. Erwartet hatte ich, dass die Fäden langsam aber sicher zusammenlaufen, doch eigentlich hat man einen ganzen Knoten. Es läuft nicht schön immer weiter aufeinander zu, sondern klatscht viel mehr von jetzt auf gleich zusammen.

Ein Klischee reiht sich an das nächste

Ein großer Kritikpunkt für mich war die Anhäufung an ausgelutschten Klischees, wohin das Auge auch reichte. Der ermittelnde Kommissar ist gerade selbst dabei ein Trauma zu überwinden (das by the way nichts mit dem eigentlich Buch zu tun hat)… die Mutter eines entführten Kindes macht sich auf eigene Faust auf, den Täter zu finden… eine Polizistin, die für ihre Karriere über Leichen geht…

Gott, das kennt man doch alles schon. Klar kann ich bei der Vielzahl an Thrillern, die es zwischenzeitlich gibt, verstehen, dass man nicht immer das Rad neu erfinden kann. Und immer wieder tauchen natürlich bekannte Elemente auf. Auf muss denn wirklich jedes Klischee bedient werden??

Ernsthaft…?

Noch ein bisschen mehr gestört haben mich allerdings die logischen Fehler. Wer eine gute Schnüfflerin sein will, der muss dem bösen Mann natürlich auch in der Nacht in den Wald folgen. Doch scheinbar sieht Hanna Winter da kein Problem darin, dass ihre Protagonstin mit eingeschalteten Scheinwerfern ganz unbemerkt im Wald den Bösewicht jagt. Da braucht man sich dann natürlich nicht wundern, dass die Gute ganz schnell in der Gewalt eines bösen Mannes befindet.

Aber den Vogel abgeschossen hat Winter mit einer anderen Szene. Da verschwindet ein kleines Mädchen aus dem Berliner Zoo. Tagelang wird gesucht, Zeugen vernommen, Verdächtige befragt… Und erst nachdem einige Tage ins Land gegangen sind, kommt die ermittelnde Beamtin auf die Idee, dass man ja mal die Überwachungskamera sichten könnte. Und siehe da: das verschwundene Kind ist darauf zu sehen und einer der Tatverdächtige und sogar das Auto, nachdem seit Monaten gefahndet wird. Ja so schaut doch gute Polizeiarbeit aus!

die spur der kinder

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Einfache Sätze, einfacher Schreibstil – schnell gelesen

Hanna Winters Schreibstil war dabei positiv und negativ zugleich. Einerseits ist ihre Schreibe sehr einfach und knackig. Damit liest sich das knapp 350 Seiten dicke Buch ziemlich rasch und flüssig weg. Allerdings hätten einige Stellen ein wenig mehr Ausschmückung gerne haben dürfen. Gerade dieser knackige Schreibstil wird den Situationen teilweise einfach nicht gerecht.

Alles in allem war das ein eher unbefriedigendes Leseerlebnis. Ständig sitzt man mit dem Buch in der Hand und einem Kopfschütteln da, weil entweder mal wieder ein neues Klischee bedient wird oder die Geschichte etwas an den Haaren herbeigezogen erschien. Selbst die Auflösung lässt den Leser da etwas baff zurück. Kurz gesagt: dieses Buch hätte ich nicht unbedingt lesen müssen.


Die Spur der Kinder | Hanna Winter
Ullstein | 2010| 352 Seiten | Einzelband
erhältlich als: Taschenbuch | eBook
Weitere Meinungen zum Buch: Mordsbücher


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1 Kommentar

  • Antworten Leselaunen 28. Oktober 2017 at 20:24

    Das Cover und der Titel sind sehr ansprechend, sehr schade, dass es Dich nicht überzeugen konnte =(

    Neri, Leselaunen
    http://www.leselaunen.net

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