Rezension

Engelsspiel // Klaus Schuker

Ich bin ja immer dafür, wenn Autoren persönliche Erfahrungen in ihre Werke miteinfließen lassen. Daher war ich auch gespannt auf Engelsspiel, das aus der Feder eines ehemaligen Polizisten stammte. Ich hatte darauf gehofft, dass Schuker seine persönlichen Erfahrungen nimmt und sie in einer spannenden Geschichte verarbeitet. Vom Aufbau her hat er sich dabei wirklich von Büchern des gleichen Genres abgesetzt. Ob ihm die sonstige Umsetzung auch gelungen ist, möchte ich euch heute erzählen.


Engelsspiel | Klaus Schuker
Fabulus Verlag | 2016 | 420 Seiten | Einzelband
erhältlich als: Taschenbuch


Der Inhalt

Was bringt die bildhübsche Janina nur auf diese perfide Idee?
Sie sieht toll aus, steht mit ihren siebzehn Jahren kurz vor dem Abitur, die Männerwelt lässt sich von ihr um den Finger wickeln, bald ist sie volljährig – und dann das? Eine Viertelstunde verändert alles, auch im Leben von Daniel Schönwind. Die Verkettung der widrigen Umstände führt ihn gnadenlos in den Abgrund. Doch das Allerschlimmste ist, dass sich seine Partnerin von ihm trennt und sein heißgeliebtes Töchterchen Ramona mitnimmt. Als auch der Suff keinen Trost mehr spendet, findet er heraus, welch dreckiges Spiel mit ihm getrieben wurde. Jetzt hält ihn nur noch das Ansinnen auf Rache aufrecht, und so nehmen die Ereignisse ihren Lauf …
[ Quelle: Fabulus ]

Die Geschichte

Daniel führt ein relativ normales Leben. Mit seiner Lebensgefährtin lebt er recht spießig in einem kleinen Häuschen, wo auch die gemeinsame Tochter Ramona aufwächst. Lediglich in seiner Beziehung läuft es nach zehn Jahren nicht mehr so sehr. Daher ist Daniel dazu übergegangen, sich auch auf andere Frauen einzulassen, sobald sich ihm die Gelegenheit bietet. Daher flirtet er auch heftig mit einer Arbeitskollegin, als sein Chef zum Betriebsfest läd. Um sich das Gefühl, das dieser Flirt bei ihm auslöst, noch eine Weile frisch zu halten, entschließt er sich, das Stelldichein mit ihr noch ein paar Tage zu verschieben. Er macht sich auf den Heimweg.

Als er an einer Bushaltestelle vorbeifährt, fällt ihm Janina auf, die dort steht und versucht zu trampen. Und obwohl die beiden sich vorher nie gesehen haben, dauert es nicht lange, bis sie auf einem verlassenen Parkplatz übereinander herfallen und hemmungslosen Sex haben. Umso erstaunter ist Daniel, als er am nächsten Morgen von der Polizei Besuch bekommt, die ihm eröffnet, dass gegen ihn Anzeige erstattet wurde – wegen Vergewaltigung von Janina.

Er hatte sie doch so sehr geliebt. Nun feststellen zu müssen, das auch die stärkste Liebe keine Garantie für ein erfülltes Zusammenleben bis zum Tod war, deprimierte ihn.

An sich trifft man in Engelsspiel also auf eine ziemlich simple Storyline. Janina hat Daniel für ihre kleinen Spielchen einfach schamlos missbraucht. Die Reaktionen der Mitmenschen sind sehr nachvollziehbar dargestellt worden. Wäre die Szene, in der Daniel und Janina miteinander geschlafen haben, nicht darstellt worden, hätte ich spätestens nach wenigen Seiten selbst an Daniels Schuld geglaubt. Sein Verhalten und die dazu passende Schilderung von Janina lassen ihn einfach unglaublich schuldig ausschauen.

Sämtliche Beweise sprechen gegen Daniel. Schnell ist alle Welt von seiner Schuld in dieser Sache überzeugt. Die Nachbarn schauen ihn nicht mal mehr an, auf der Arbeit kündigt man ihm, da er für die Firma nicht mehr tragbar erscheint. Doch am meisten trifft ihn die Entscheidung seiner Lebensgefährtin, ihn mitsamt seiner Tochter zu verlassen. Daniels Leben bricht innerhalb von Tagen in sich zusammen und er verliert jeglichen Antrieb… Doch irgendwann fasst er den Entschluss, sich bei Janina für diese Katastrophe zu rächen.

Die Charaktere

Jetzt schreien wieder die ganzen hyper-professionellen Buchblogger auf, die behaupten, sie wollen nichts von den Charakteren hören, doch das muss hier einfach gesagt werden: dieses Buch weist von vorne bis hinten nur unsympathische Charaktere auf! Und das muss einfach auch berücksichtigt werden, wenn man ein Buch bespricht. Janina ist mit ihren 17 Jahren schon recht verschlagen und super egoistisch. Schon alleine, eine Vergewaltigung zu erfinden, zeugt von einer unglaublichen Arroganz. Hinzu kommt, dass im Laufe der Geschichte ja die Gründe für ihre Lüge aufgedeckt werden und die waren dermaßen nichtig, dass ich nur mit dem Kopf schütteln konnte.

Schuker, Klaus - Engelsspiel 02

Die andere Seite, vertreten zunächst durch Daniel selbst, aber auch durch seine Freundin und seine Tochter, konnten in der Sympathie-Hinsicht aber auch nicht mehr punkten. Daniel und Karin schieben sich gegenseitig die Schuld für das Scheitern ihrer Beziehung in die Schuhe, was vielleicht noch einigermaßen normal ist. Unverständlich für mich war aber das völlige Fehlen eines schlechten Gewissens auf Seiten von Daniel, wenn er sich mal wieder eine fremde Frau in sein Bett holt. Auch scheint er nicht so ganz einzusehen, dass Sex mit Minderjährigen auch dann nicht in Ordnung ist, wenn dieser einverständlich geschehen ist. Auch seine Reaktion auf die ganze Situation war einfach nur zum Schreien. Dass er selbst mal Bockmist gebaut hat… für ihn völlig abwegig.

Der Schreibstil

Das Buch lässt sich grob in drei Teile einteilen: die „Vergewaltigung“ und die Vorgeschichte, einen Mittelteil und dann den Teil mit der Rache. Gewünscht hätte ich mir, dass eben diese Rache ausführlicher gewesen wäre. Denn, wie gesagt, die war einfach versprochen. Ohne diesen Klappentext hätte ich rein in meiner Rezension darüber kein Wort verloren. Sie setzt einfach erst so weit hinten ein, dass ich Angst gehabt hätte, zu spoilern. Das alles hatte zur Folge, dass sich der Mittelteil einfach auch sehr in die Länge gezogen hat.

Klaus Schukers Schreibstil lässt sich in den meisten Teilen ganz gut lesen. Er verzichtet auf komplizierte Sätze und Abschnitte, um seine Geschichte in den Mittelpunkt zu stellen. Gerade zum Schluss hin, als man dann so richtig in die Story eintaucht, schafft Schuker es richtig gut, seinen Leser auch über gewissen Längen zu fesseln. Nur am Anfang war das Ganze noch ein wenig hölzern und holprig. Bei mir kam das Gefühl hoch, als hätte Klaus Schuker sich erst mal warm schreiben müssen. Da hatte ich immer mal wieder so total übertriebene Laien-Schauspieler vor Augen.

Doch was er im Spiegel sieht, lässt ihn erschreckt zusammenzucken.: Daniel sieht nichts. Er bewegt seinen Kopf mehrmals hin und her und auf und ab, doch es gibt kein Spiegelbild. Schlagartig wird ihm klar, dass es ihn nicht mehr gibt, dass er innerhalb weniger Tage zu einem Nichts und Niemand geworden ist.

Dafür war die Aufteilung des Buches unglaublich originell. Die ersten Kapitelüberschriften zählen die Zeit wie einen Countdown herunter. Das führt beim Leser natürlich dazu, dass er ein Kapitel nach dem anderen weginhaliert, um endlich zu erfahren, was denn zum Zeitpunkt ‚0‘ passiert. Die Kapitel nach dem Ereignis werden überschrieben mit der Zeit, die seither vergangen ist.

Dabei wechselt immer wieder die Erzählperspektive zwischen Daniel und Janina. Das führt dazu, dass der Leser nicht nur die Gedanken und Gefühle der Protagonisten nachvollziehen kann. Hinzu kommz, dass der Leser immer genau weiß, wie sich die ganze Sache wirklich zugetragen hat. Denn wie schon oben gesagt, kann man da schon mal seine Zweifel bekommen. Was mich allerdings unglaublich gestört hat, war der Kosename, den Daniel seiner Tochter Ramona verpasst hat, denn die spricht er nur mit ‚Engelchen‘ an bzw. spricht auch nur mit diesem Namen über sie. Das mag vielleicht ganz süß sein (wer es mag), aber es wurde einfach bis zum Erbrechen wiederholt. Beim ersten Mal war es noch niedlich, beim zweiten Mal vielleicht auch noch, aber spätestens ab der dritten Erwähnung war ich schon sehr genervt…

Das Ende

Die Idee, welche Klaus Schuker hier verfolgt, ist an sich nicht schlecht. Vorgetäuschte Vergewaltigungen kommen in Deutschland bestimmt öfter vor. Öfter als man vielleicht meinen mag. Doch er schafft eine weitere Spannungskomponente, in dem er die Story hier zwischen zwei völlig Fremden spinnt. Natürlich fragt man sich von Anfang an, warum eine 17-Jährige auf die Idee kommt, einem Unbekannten ein solches Verbrechen anzuhängen, wo sie ihn doch gar nicht kennt. Nur leider schien es mir, als würde genau diese Frage mit Fortgang der Geschichte immer weiter in den Hintergrund zu rücken. Das hatte zur Folge, dass auch die Rache, die im Klappentext versprochen wurde, erst sehr spät zum Zuge kommt.

Schuker, Klaus - Engelsspiel 03

Mein Fazit

Auch wenn ich viele Punkte dieses Buches kritisiert habe, will ich nicht sagen, dass ich es nur schlecht fand. Es war eben ausbaubedürftig und hat seine Ecken und Kanten. Die Idee hatte durchaus Potenzial, welches aber nicht recht ausgeschöpft wurde. Sehr schade fand ich auch, dass Schuker selbst Polizist war bzw. ist. Daher tiefe Einblicke in die Polizeiarbeit hätte liefern können. Doch die Aufklärung des Falles durch die leitende Beamtin machte eher den Eindruck einer göttlichen Eingebung als den einer fundierten Ermittlungsarbeit. Wer einen unblutigen Krimi sucht und mehr Wert auf die Hintergrundgeschichte legt als auf den Fall selbst, der könnte hier richtig sein. Wer allerdings eine ausgefeilte Story rund um eine perfide Rache sucht, der wird von Engelsspiel wahrscheinlich enttäuscht.

3/5 Punkte


Hier findet ihr weitere Meinungen zu Engelsspiel
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