Rezension

Lauf, Jane, lauf // Joy Fielding

Mitten in Boston findet sich eine junge Frau auf der Straßen wieder. Sie weiß ihren Namen nicht und ihr fehlen jegliche Erinnerungen daran, wer sie ist. Ihr Kleid ist blutverschmiert und in ihrer Manteltasche findet sie mehrere Bündel mit 100-Dollarscheinen. Wie kommt sie dorthin und wo kommt sie her? Und vor allem: was soll sie nun tun?

Schließlich wird sie im Krankenhaus erkannt. Ihr Name ist scheinbar Jane und sie ist mit dem angesehenen Kinderchirurg Michael verheiratet, der sich sofort rührend um seine Frau kümmert. Er nimmt sie mit in ein Haus, das sie nicht wiedererkennt, in dem sie aber nach Aussagen ihres Mannes mit diesem seit 11 Jahren lebt. Die Ärzte diagnostizieren eine hysterische Amnesie. Aufgrund eines belastenden Ereignisses hat sich ihre Psyche wohl einfach abgeschaltet, um Jane zu schützen. Ihr wird allerdings versprochen, dass die Erinnerungen wiederkommen werden, wenn ihr Unterbewusstsein hierzu bereit ist. Doch Jane quält sich mit dem Blut auf ihrem Kleid, das sie allen (auch ihrem Mann) verschwiegen hat. Was für ein Mensch ist sie? Und warum machen die Aussagen ihres Mannes in manchen Punkten so wenig Sinn? Und schließlich, warum setzt er sie permanent unter Drogen??

Ahnungslosigkeit und Verwirrung – bei Jane und beim Leser

In diesem Buch gibt es eine unumstrittene Protagonistin. Eine junge Frau ohne Erinnerungen. Der Einstieg ist wohl für den Leser genauso abrupt wie für Jane selbst. Von jetzt auf gleich findet man sich auf den geschäftigen Straßen Bostons wieder, ohne zu wissen, wie man dort gelandet ist oder was man dort eigentlich will. Man bekommt durch diesen rapiden Einstieg ein ganz gutes Gefühl dafür, wie man sich in Janes Situation wohl fühlen muss. Es herrscht Ahnungslosigkeit und Verwirrung – im Buch und vor dem Buch. Und dieses Element zieht sich durch die ganze Geschichte. Denn als Leser weiß man nie mehr als Jane selbst.

lauf, jane, lauf

lauf, jane, lauf

Obwohl die Fakten zu Beginn des Buches erst einmal dünn sind, rauscht man in die Handlung eigentlich nur so rein. Das Tempo ist bereits auf Seite 1 rasend hoch. Allerdings kann Fielding diese Geschwindigkeit nicht halten. Nachdem Jane erkannt wurde und erfahren hat, dass sie verheiratet ist, wird sie von ihrem Mann abgeholt. Der scheint der perfekte Mensch zu sein. Nicht nur dass er sich ihrer liebevoll annimmt und scheinbar ein fürsorglicher Ehemann ist. Außerdem geht er als Kinderchirurg einer sehr angesehenen Tätigkeit nach und Jane wird schnell klar, dass die Menschen in ihrer Umgebung zu ihm aufsehen.

Leider bleibt es nicht so spannend, wie das Buch beginnt

Nachdem das Buch also wirklich spannend beginnt, sackt der Spannungsbogen etwas in den Keller. Michael nimmt seine Frau mit nach Hause und stopft sie dort, mit Hilfe seiner Haushälterin, mit Medikamenten voll. Als Leser bekommt man schnell dieses beklemmende Gefühl, dass da irgendwas nicht stimmen kann. Das ist nun nicht unbedingt eine Überraschung, da Fielding eigentlich immer nach einem gewissen Schema schreibt. Ihre Storys drehen sich fast immer um eine gut situierte Frau im besten Alter, die mit einem scheinbar perfekten Mann verheiratet ist. Doch dieser Mann lässt seine Maske im Laufe der Handlung fallen und offenbart sein wahres Gesicht. Und dieses Schema hat sie auch in diesem Buch wieder angewandt.

Doch selbst wenn man Fielding vorher nicht kennt, merkt man schnell, dass der Mann nicht so astrein ist, wie er sich nach außen gibt. Jane versinkt immer mehr in Lethargie und wird von Medikamenten vollgepumpt. Doch richtig fassbare Anhaltspunkte für die Gründe fehlen über lange Zeit. Das nimmt der Geschichte einfach den Wind aus den Segeln. Hinzu kommt, dass Jane an einigen Stellen unverständlich passiv bleibt. Man bekommt einfach immer öfter das Gefühl, als würde man sie einfach mal schütteln müssen, damit sie aus ihrem Selbstmitleid wieder auftaucht und endlich mal was Neues erzählt.

Jane ist bewusst mit Fehlern behaftet worden

Fielding schafft es dann aber trotzdem nochmals, die Kurve zu bekommen. Sie löst die Geheimnisse auf einmalige Art und Weise, wie nur sie es kann. Es bleiben nachher keine Fragen mehr offen. Ganz zufriedenstellend war das Ende aber letztlich doch nicht. Denn wo der Mittelteil mit einigen Längen aufwartet, geht es am Ende doch recht zügig. Vielleicht zu zügig. Die „Proportionen“ waren etwas ungleich verteilt.

lauf, jane, lauf

lauf, jane, lauf

Was die handelnden Charaktere angeht, ist eine differenzierte Darstellung nur bedingt gelungen. Jane selbst hat ihre Ecken und Kanten und wird keineswegs perfekt dargestellt. Schnell stellt sich heraus, dass sie bereits vor ihrem Gedächnisverlust zum Jähzorn neigte. Sie wird also gerade nicht perfektioniert und als zu glatt dargestellt. Das macht eine Identifikation mit ihr viel einfacher, da sie dadurch einfach menschlicher wirkte. Ihre Mann Michael dagegen war sehr klischeebehaftet.

Wenn man die Kritikpunkte nimmt und sie der sonstigen Geschichte gegenüberstellt, dann bleibt am Ende trotzdem ein richtig guter, packender Psychothriller übrig. Joy Fielding ist in jeder Zeile zu erkennen und obwohl sie fast immer die „gleiche Idee“ nimmt, kommen am Schluss dann trotzdem ganz unterschiedliche Geschichten dabei raus. Wie sie es macht, man weiß es nicht. Aber es funktioniert. Wer also nach einem spannenden Thriller sucht, in dessen Mittelpunkt eine Protagonistin steht, die auch mal Ecken und Kanten hat, der sollte wirklich dringend zu Lauf, Jane, lauf greifen.


Lauf, Jane, lauf | Joy Fielding
Goldmann | 1992 | 448 Seiten | Einzelband
Original: See Jane Run | übersetzt von: Mechtild Sandberg-Ciletti
erhältlich als: Taschenbuch | eBook | Hörbuch Download


Vorheriger Post Nächster Post

Das könnte Dir auch gefallen

5 Kommentare

  • Antworten Nisnis Bücherliebe 18. Juni 2017 at 13:19

    Liebe Nelly,

    wie schön dass du meinen Blog Nisnis Bücherliebe entdeckt und dort kommentiert hast, denn so durfte ich nun deinen Blog entdecken. Dein Design ins wunderschön und deine Rezensionen machen Lust auf mehr. Schön dass du auch mein Lieblings-Genre liest, sodass ich gern zum stöbern vorbeikomme.

    Lauf Jane. Lauf habe ich vor vielen Jahren absolut verschlungen. Heute empfinde ich Joy Fieldings Stil nicht mehr ganz so berauschend, obwohl sie packende Storys schreibt.

    Viele liebe Grüße

    Anja von Nisnis Bücherliebe

    • Antworten Nelly 18. Juni 2017 at 18:02

      Huhu Anja!
      Ich freue mich riesig über den Gegenbesuch!! Und natürlich über Deine lieben Worte. Ach, da werd ich schon ein wenig rot…
      Fielding lese ich immer mal wieder eines ihrer Bücher. Ab und an sind ihre Werke einfach genau das richtige! Aber Du hast Recht. So sehr beeindrucken wie sie das noch vor einigen Jahren getan haben, machen sie nicht mehr

      Alles Liebe, Nelly

  • Antworten Nisnis Bücherliebe 18. Juni 2017 at 18:27

    Ich hoffe du bist inzwischen wieder entrötet .-).

    Tut es nicht gut solche Worte zu hören, wo wir uns als Blogger fast täglich wahnsinnig bemühen schön zu schreiben und zu designen?

    Ich freu mich auch immer wie ein Keks über liebe Worte und gebe sie gern dort hin, wo sie gut aufgehoben sind.

    Genieße den Restsonntag,

    liebste Grüße

    Anja

    • Antworten Nelly 21. Juni 2017 at 15:46

      Oh Anja! You made my day!
      Ich freu mich sehr über Deinen Kommentar, da Du so recht hast: wir geben jeden Tag echt unser Bestes und es ist schön, wenn das anerkannt wird…

      Alles Liebe, Nelly

  • Antworten Nisnis Bücherliebe 21. Juni 2017 at 16:03

    Fine :-). Gegenseitige Wertschätzung vor allem unter uns Bloggern finde ich immens wichtig. Dann hab einen besonders schönen Tag.

    Liebe Grüße Anja

  • Kommentar hinterlassen