Rezension

Wir müssen über Kevin reden // Lionel Shriver

Als Eva und Franklin sich entschließen, ein Kind zu bekommen, ist Eva schon fast 40. Doch beide wünschen sich noch ein Kind, vor allem für Franklin bedeutet ein Kind alles. Doch bereits einige Minuten nach der Geburt von Kevin, merkt Eva, dass ihr Sohn anders ist. Der Säugling scheint voller Wut und Zorn zu sein und lehnt seine Mutter von der ersten Minuten an ab. Er entwickelt sich nicht wie ein normaler Junge, muss bis zu seinem sechsten Lebensjahr gewickelt werden. Doch je älter er wird, desto mehr beginnt Eva zu glauben, das personifizierte Böse zur Welt gebracht zu haben. Das führt dazu, dass sie zu ihrem eigenen Fleisch und Blut auch keinerlei Bindung aufbauen kann und es sogar als Zumutung empfindet, dass sie zuhause bei ihrem Kind bleiben muss.

Wenn Kinder zu Mördern werden…

Über Jahre hinweg will Evas Ehemann nicht glauben, welche Bösartigkeiten sich Kevin alles ausgedacht haben soll. Kevin sei ein normaler Junge und dieser selbst bringt seinen Vater dazu, dies zu glauben. Doch am 8. April 1999 treibt Kevin acht Mitschüler und eine Lehrerin in der Turnhalle zusammen und eröffnet mit einer Armbrust das Feuer auf sie. Kevin wird zum Amokläufer und verändert innerhalb weniger Stunden das Leben seiner Familie.

Seit dem Amoklauf von Winnenden, bei dem mein Vater als Polizeibeamter selbst vor Ort war, verschlinge ich alles, was irgendwie mit diesem Thema zu tun hat. Was treibt einen Jugendlichen dazu, in der Schule teilweise fremde Mitschüler niederzuschießen und damit innerhalb von Minuten das Leben mehrerer Familien zu zerstören? Die Frag nach dem „Warum“ kommt nach einem solchen Massaker immer wieder auf und nie erhält man eine richtige Antwort.

wir müssen über kevin reden
wir müssen über kevin reden

Wer ist schuld?

Und ehrlich gesagt hatte ich mir von diesem Roman erhofft, dass dieses „Warum“ am Ende geklärt wäre. Und irgendwie hat Shriver das auch geschafft. Diesen Vorwurf kann man der Autorin also nicht machen… Warum also nur eine durchschnittliche Bewertung?

Eva, Kevins Mutter, erzählt ausführlich über ihr eigenes Leben alleine mit ihrem Ehemann und auch über ihr Leben als Mutter. Sie verpackt ihre Geschichte in Briefform. Franklin wird immer wieder ganz persönlich angesprochen, was dem ganzen Buch ein wenig das Flair einer privaten Unterhaltung gibt, in die man mal reinhorchen darf.

Somit erhält man einen dermaßen intimen Einblick in Evas Gedanken, wie ich es selten in einem Buch erleben durfte. Das kommt nicht nur daher, dass man Evas Gedanken und Gefühle aus erster Hand erhält, sondern, dass sie auch unfassbar ehrlich und offen ist, auch wenn diese sie nicht immer ins beste Licht rückt. Eva schönt ihre eigenen Verfehlungen und Gefühle nicht, sondern spricht offen darüber, dass auch sie nicht alles richtig gemacht hat. Sehr hart empfand ich die Stellen, an denen sie über ihre Gefühle gegenüber ihrem eigenen Sohn spricht. Denn eigentlich hat sie solche gar nicht.

Den Amoklauf immer im Hinterkopf

Von der ersten Seite an begleitet den Leser ein unheimliches beklemmendes Gefühl. Dass es durch Kevin schließlich zum Amoklauf kommt, ist kein Geheimnis und man sollte meinen, dass dieser Umstand allgegenwärtig ist. Doch gerade der Beginn des Buches wiegt den Leser in trügerischer Sicherheit. Eva erzählt von ihrem Leben mit Franklin, der Ehe und ihren Reisen. Man spürt, dass sie ihren Mann liebt und ihn wirklich glücklich machen will. Sie weiß außerdem, dass Franklin auf „die große Frage“ nur eine Antwort kennt: Kinder!

Als Leser wird man durch ein Gefühlschaos geworfen, wie ich es selten in einem Buch vorgefunden habe. Während man noch Mitleid mit Eva hat, kommt plötzlich eine Stelle, an der man sie fast verachtet. Wie kann man einem Säugling, der nur wenige Wochen alt ist, unterstellen, er würde nur dann schreien, weil er einen Machtkampf gegen seine Mutter ausficht?

Ein Teufel in Kindergestalt?

Als Kevin heranwächst kommt es allerdings immer wieder zu Situation, in denen man sich als Leser tatsächlich fragt, ob da nicht wirklich was dran sein könnte. Kevin hat keinerlei Interessen, keine wirklichen Freunde, keine Hobbys (abgesehen vom Bogenschießen), verbringt seine Zeit damit, einfach nur zu atmen und aus dem Fenster zu schauen… Hinzu kommen immer wieder Vorfälle, in denen nicht ganz klar wird, ob er an diesen tatsächlich mitgewirkt hat, doch der Verdacht ist da….

wir müssen über kevin reden
wir müssen über kevin reden

Die große Schwäche dieses Buches bestand für mich allerdings genau in dieser Charakterzeichnung. Lange habe ich nicht mehr so krass klischeehaften Charaktere in einem Buch gefunden. Kevin ist einfach nur böse. Und das von Beginn an. Das geht dann aber leider zum Nachteil der Glaubwürdigkeit. Mal ehrlich, welcher 4-Jährige hält denn mit Absicht seinen Stuhlgang zurück, nur um seine Mutter zu ärgern. Und das nur aus reiner Boshaftigkeit. Und Eva ist quasi noch mitten in der Geburt, da unterstellt sie ihrem Sohn schon das Schlimmste. Es war einfach viel zu überzogen. Dass der Junge mit 15 dann Amok läuft, verwundert nur insofern, als man sich fragt, warum er so lange gewartet hat.

Dieses Mal ist der Film besser als das Buch

Ich habe mir auch Ausschnitte aus der Verfilmung angesehen, die mir da wesentlich besser gefallen haben. Evas Resignation kam darin viel besser zum Vorschein als dies das Buch konnte. Und Kevin ist zwar immer noch gruselig und hat diesen bösen Einschlag. Aber er kam als Mensch herüber und nicht wie der Teufel persönlich.

Auch mit dem Schreibstil von Lionel Shriver tat ich mir schwer. Dies mag bestimmt Geschmackssache sein und schreiben kann sie auf jeden Fall, daran besteht kein Zweifel. Sie bedient sich langer Sätze mit zahlreichen adjektiven, gerne auch verschachtelt. Locker flockig runter lesen ist da nicht. Vielmehr gibt es immer wieder Stellen, an denen man konzentriert bei der Sache sein muss, um Evas Erzählung weiter folgen zu können. Wie gesagt, das mag man mögen, bei mir hat es eher dazu geführt, dass ich Eva manchmal gerne geschüttelt hätte, um ihr zu sagen: „komm endlich mal zum Punkt“.

Wenn man ganz ehrlich zu sich ist, dann hätte man wissen können, dass die Frage nach dem „Warum“ auch dieses Mal nicht ganz zufriedenstellend geklärt werden kann. Doch etwas differenzierter hätte es gerne sein dürfen. Der Amoklauf und seine Folgen finden immer nur zweirangig ihren Platz. Die Familie steht im Mittelpunkt der Erzählung, doch eine Identifikation mit einem der Mitglieder wird einem schwierig gemacht. Ein seltenes Beispiel für den Fall, dass die Verfilmung die Romanvorlage toppt.


Wir müssen über Kevin reden | Lionel Shriver
Piper | 2017 | 560 Seiten | Einzelband
Original: We need to talk about Kevin | übersetzt von: Christine Frick-Gerke & Gesine Strempel
erhältlich als: Taschenbuch | eBook
Weitere Meinungen zum Buch: Die Liebe zu den Büchern | Literat(o)ur


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2 Kommentare

  • Antworten Christin 30. Juli 2017 at 21:53

    Okay, interessant zu wissen. Denn deine Kritikpunkte würden mir wohl auch negativ aufstoßen und so hab ich das in anderen Kritiken bisher nicht herausgelesen. Glaub ich guck einfach mal, ob ich mir das Buch ausleihen kann – der goldene Mittelweg quasi 😀

    • Antworten Nelly 2. August 2017 at 10:37

      Ich weiß nicht, ob ich gerade bei Romanen immer kritischer bin, als der „durchschnittliche“ Leser. Mir ging es nämlich wie Dir. Die Rezensionen, die ich vorher gelesen habe, waren eigentlich durchweg ganz positiv.
      Maßgebend für meine Bewertung war vor allem, dass mir der Schreibstil einfach nicht zugesagt hat. Ich glaube, wenn man mit dem Schreibstil eines Autors nicht klar kommt, dann zieht sich dieses Problem eben durch das ganze Buch und hinterlässt einen irgendwie faden Beigeschmack. Da noch eine gute Bewertung zu geben…. da muss einen dann schon die Geschichte umhauen.
      Wenn Du es liest, dann lass mich auf jeden Fall wissen, wie Dir das Buch gefallen hat. Das interessiert mich wirklich

      Alles Liebe, Nelly

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