Drüber nachgedacht

Schullektüre

Hallo und herzlich willkommen zum neusten „Drüber nachgedacht“. Heute haben wir ein Thema, bei dem glaube ich alle sofort wussten, dass sie etwas dazu schreiben könnten. Denn durch die Schule mussten wir alle mal. Und die meisten von uns haben früher oder später mal ein Buch vorgelegt bekommen, das sie lesen sollten. Und hier scheiden sich dann meist die Geister: die einen haben die Bücher verschlungen, die anderen musste man zum Lesen fast zwingen. Aber wir sind ja alles Bücherwürmer. Eigentlich kein Problem, oder?

schullektüreIch persönlich lese bereits schon seit Kindheitstagen viel und gern. Allerdings ist das Lesen für mich in erster Linie Entspannung und Flucht aus dem Alltag. Ich lasse mich gern einlullen und will das, was ich da lese, auch auf Anhieb verstehen. Daher gehörte ich trotz meiner Leidenschaft immer zu der Fraktion, die entnervt die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen haben, wenn es hieß, wir müssten mal wieder ein Buch für den Deutschunterricht lesen.

Und wenn ich ehrlich bin, hab ich bestimmt die Hälfte der Bücher, die ich eigentlich hätte lesen sollte, gar nicht gelesen. Jaaa, Schande auf mein Haupt… Ich konnte mit den Büchern einfach nichts anfangen. Den meisten fehlte die Spannung und wie gesagt: ich will eine Message vom Autor schön unter die Nase gerieben bekommen und nicht danach suchen müssen. Da vergeht mir direkt die Lust.

Besonders schlimm empfand ich dann die Oberstufe, also die letzten zwei Jahre vor dem Abi. Da macht ja jedes Bundesland was es will, überall sind die Regelungen anders. Bei mir war das damals folgendermaßen: Mathe, Deutsch und eine Fremdsprache (bei mir war das Französisch) waren Pflichtfächer und hier mussten wir auch in die schriftliche Abiprüfung. Hinzu kam ein sog. „Kernkompetenzfach“. Dort musste man sich entweder noch eine zusätzliche Sprache oder eine Naturwissenschaft als Hauptfach aussuchen. Bei mir war das Englisch. Und last but not least gab es noch ein sog. „Neigungsfach“. Hier konnten wir uns ein beliebiges Fach als Hauptfach wählen. Entweder im Neigungsfach oder im Kernkompetenfach musste ebenfalls schriftlich eine Abiprüfung abgelegt werden.

Meine Hauptfächer waren damit also Mathe, Deutsch, Englisch, Französisch und Geschichte. Und innerhalb dieser Fächer gab es „Sternchenthemen“. Das hieß: in den zwei Jahren Vorbereitung aufs Abi gab es verschiedene Themen, die ausführlich behandelt wurden. In Geschichte waren das beispielsweise einmal die Ereignisse im Zeitraum von 1871-1945 und das andere Sternchenthema waren die Ereignisse ab 1945. Im Abi gab es dann mehrere Aufgaben, von denen aber nicht alle bearbeitet werden mussten und man so ein wenig Wahlmöglichkeit hatte. Und man konnte sich hier ganz anders vorbereiten.

Lange Rede, kurzer Sinn: in zwei Fächern waren bestimmte Bücher die Sternchenthemen. Da Englisch nie ganz meins war, wusste ich schon gleich zu Anfang, dass ich dort nichts ins Schriftliche gehen werde. Also Französisch… und ein Buch. Es war Papillon von Henri Charrière. Wem das jetzt nichts sagt: der Autor hat hier einige autobiografische Elemente in eine Geschichte gepackt und erzählt von seiner Gefangenschaft in Französisch-Guayana, wo er zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt wurde und später fliehen kann. Hört sich spannend an, meint ihr? Fand ich leider nicht…. Aber ich habs gelesen, immer in kleinen Etappen und ich musste mich auch immer zwingen.

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Und um Deutsch bin ich ja ohnehin nicht rum gekommen. Aber da gab es nicht nur ein Buch, neeeiiin!! Es waren drei! Das geringste Übel waren für mich von Anfang an Schillers Räuber. Und ich habs tatsächlich auch mehr als einmal gelesen und wusste: das wird meine Abiaufgabe.

Und dann kam der Supergau. Kennt ihr diese Lektürenhilfe? So kleine Heftchen, die man zu Schullektüren kaufen kann? Darin findet man eigentlich alles, was es zum Buch zu wissen gibt. Ich konnte das zu den Räubern auswendig. Also Abiprüfung aufgeschlagen, die anderen vier Aufgaben sofort beiseite gelegt, diejenige zu Schiller rausgesucht und dann…. war es die wahrscheinlich nichtssagenste Textpassage aus dem ganzen Buch. Da kam ich mal ordentlich ins Schwimmen.

Aber alles umschmeißen und eines der anderen Bücher behandeln kam gar nicht in Frage. Denn zur Auswahl wäre noch gestanden Michael Kohlhaas von Heinrich von Kleist oder Der Prozess von Franz Kafka. Und letzteres ist wirklich zum abgewöhnen. Kafka und ich… das funktioniert einfach nicht. Da hätte ich mich nur verhaspeln können. Es war ein Trauerspiel. Keine Ahnung, wie ich es geschafft habe.

Aber da frage ich mich immer wieder, warum man nicht wenigstens ein schönes Gleichgewicht zwischen klassischer Literatur und moderner finden kann, wenn es um Schullektüre gibt. Zwischenzeitlich gibt es so viele schöne Bücher, durch die Schülern noch etwas beigebracht werden kann und die vielleicht bei dem einen oder anderen noch die Lust am Lesen wecken könnte. Ich bin der Meinung, dass man mit zeitgenössischer Literatur einen Jugendlichen viel besser erreichen kann. Oder was meinst Du?


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8 Kommentare

  • Antworten Jacquy 21. Mai 2017 at 13:17

    Ich hatte mit Schullektüren auch immer so meine Probleme, wobei sich das hauptsächlich auf das Lesen an sich bezieht und nicht die Besprechungen im Unterricht. Analysen habe ich nämlich immer richtig gerne gemacht, sobald mir jemand vorher erklärt hat, was das Buch mir eigentlich sagen möchte und worauf ich achten soll 😀 Ich möchte nämlich auch nicht ewig nach einer Bedeutung suchen, die vielleicht gar nicht da ist.
    Ich hatte auch das Vergnügen mit dem Prozess und habe teilweise glaube ich auch meine Abiklausur im LK darüber geschrieben, wenn ich mich richtig erinnere. Das müsste ein Vergleich zwischen einem Auszug von Kafka und „Hiob“ gewesen sein, aber zu dem Zeitpunkt hatten wir alles schon genug durchgekaut dass ich wusste was ich schreiben kann 😀
    Meiner Meinung nach sollten aber auch keine Klassiker oder zumindest besser verständliche. Der Horror war für mich „Tauben im Gras“, das habe ich auch nicht komplett gelesen und denke, den meisten meiner Mitschüler ging es auch so. Lust zu Lesen weckt man bei den Schülern mit sowas definitiv nicht.

    • Antworten Nelly 28. Mai 2017 at 13:17

      Huhu Jacquy!
      Ich muss ehrlich zugeben, dass ich auch nie richtig was mit den Analysen anfangen konnte.
      Kafka in der Abiklausur ist wirklich der Horror, da kann ich auch ein Lied von singen 😀 Ich sag ja: zum abgewöhnen! Meiner Meinung nach ist er vor allem auch nicht dazu geeignet, Jugendliche zum Lesen zu animieren… Schwieriges Thema.
      „Tauben im Gras“ sagt mir allerdings gar nichts (hab ich jetzt eine Bildungslücke?) Aber nachdem Du auch schon keine Freude daran hattest, hab ich wohl nichts verpasst 😀

      Alles Liebe, Nelly

      • Antworten Jacquy 1. Juni 2017 at 13:44

        Hey Nelly,
        „Tauben im Gras“ fand ich schrecklich wirr. Der Schreibstil war chaotisch, es gab viel zu viele Charaktere und ich hatte einfach gar keinen Überblick darüber, was überhaupt passiert. Da hast du definitiv nichts verpasst 😀
        Liebe Grüße!

        • Antworten Nelly 1. Juni 2017 at 15:29

          Das hört sich allein von deiner Beschreibung her schon übel anstrengend an…. Muss ich also nicht haben. Danke für den Tipp 😀

  • Antworten Elli 21. Mai 2017 at 16:07

    Hi Nelly,
    amen to that! Ich konnte auch mit der meisten Schullektüre überhaupt nichts anfangen. Aber wenn das Abi kommt, muss man wohl das eine oder andere Buch zur Hand nehmen. Ich frage mich wirklich, ob diese Unlust mit moderner Literatur bekämpft werden könnte, ob sich da vielleicht nicht ein paar mehr Schüler finden, die Gefallen an diesen Büchern haben könnten? Es ist wirklich zu schade, dass die wenigsten Spaß am Unterricht haben, wenn es um die Besprechung von Büchern geht. Ich bin sehr gespannt, wie sich das in den nächsten Jahren entwickeln wird.
    Liebste Grüße,
    Elli

    • Antworten Nelly 28. Mai 2017 at 13:59

      Huhu Elli!
      Deine Befüchtung kann ich gut nachvollziehen. Ob moderne Literatur da helfen würde…. käme wahrscheinlich auf einen Versuch an. Wobei es wahrscheinlich auch nur wenig schlimmer werden könnte.
      Ich sag ja: wenn selbst Leseratten wie wir da die Nase rümpfen…
      Bin daher wie Du auch gespannt, wie sich die Sache entwickeln wird.

      Alles Liebe, Nelly

  • Antworten Tatze 31. Mai 2017 at 22:06

    Liebste Nelly,

    ich finde es ja immer wieder unglaublich interessant, wie unterschiedlich sich das Abitur in den verschiedenen Bundesländern gestaltet. Ich hatte Deutsch auch im Abitur, aber konnte mir das freiwillig so aussuchen. Naja, nicht ganz freiwillig, weil alle vier Abiturfächer zusammen einige Regeln erfüllen mussten, aber bei mir passte das glücklicherweise alles ziemlich gut, so dass ich mit Deutsch, Mathe, Informatik und Religion an den Start gegangen bin. Diese Sternchenthemen gab es bei uns auch nicht, daher weiß ich gar nicht, welche Bücher für uns „Pflicht“ gewesen wäre. Wir haben auf jeden Fall mehr als drei Stück gelesen. Hach, alles interessant. 😀

    Liebste Grüße,
    Tati

    • Antworten Nelly 31. Mai 2017 at 23:48

      Huhu Tati!
      Ich find das auch immer spannend, wenn andere erzählen, wie das Abi bei anderer gelaufen ist. Allerdings lief an unserer Schule im darauffolgenden Jahr schon wieder ein ganz anderes System. Da macht halt jedes Bundesland was es will.
      Informatik und Religion wäre wahrscheinlich mein Untergang gewesen 😀
      Alles in allem haben wir auch viel mehr Bücher gelesen, aber ich kann mich ehrlich nicht mehr an alle erinnern. „Das Parfum“ haben wir definitv noch irgendwann gelesen (was ich eigentlich echt mochte) und „Homo Faber“. Aber dann hört es auch schon auf ….

      Alles Liebe, Nelly

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