Rezension

Flawed: Wie perfekt willst du sein? // Cecelia Ahern

Celestine steht hinter dem System, das in ihrem Land gilt. Menschen, die falsche Entscheidungen treffen, lügen oder betrügen, werden mit einem Brandmal versehen und leben fortan als Fehlerhafte ein einfaches Leben. Diese Menschen haben kein Verbrechen im eigentlichen Sinn begangen, doch moralisch oder ethisch haben sie sich etwas zu Schulde kommen lassen. Der oberste Richter der Gilde, Richter Crevan, ist für Celestine eine Art Ersatzvater, seit sie mit dessen Sohn zusammen ist. Doch dann kommen Celestines Überzeugungen ins Wanken und sie hilft einem Fehlerhaften im Bus. Auch das ist verboten und das junge Mädchen wird selbst vor Gericht gestellt. Doch ihr Prozess ist kein normales Gerichtsverfahren, denn Celestine wird als Aushängeschild für beide Seiten missbraucht. Und am Ende muss Celestine ihr komplettes Leben über den Haufen werfen.

Von der Queen der Liebesromane zur neuen Heldin der Dystopien?

Als bekannt wurde, dass Cecelia Ahern sich von ihren Liebesromanen etwas lösen will und sich um Jugendbuchgenre ausprobieren möchte, da war meine Neugierde geweckt. Als ich dann noch erfahren habe, dass es sich um eine Dystopie handeln sollte, da war ich Feuer und Flamme für die Geschichte. Und der Einstieg ins Buch konnte meine Erwartungen noch übertreffen. Endlich mal eine Protagonstin, die nicht von Anfang an gegen das herrschende System steht. Im Gegenteil: Celestine ist sich sicher, dass fehlerhafte Menschen auch als solche zu erkennen sein müssen. Die Gilde entscheidet über Menschen, die zwar kein Verbrechen begangen haben, aber sich moralisch oder ethisch in irgendeiner Hinsicht fehlerhaft verhalten haben. Diese Menschen bekommen ein Brandzeichen verpasst und müssen fortan ein einfaches, reduziertes Leben führen.

flawed

flawed

Natürlich musste Celestine irgendeinen Fehler machen, um selbst Opfer des Systems zu werden. Und das, obwohl der oberste Gildenrichter Crevan, kein Unbekannter für die Jugendliche ist. In Wahrheit handelt es sich bei ihm um ihren Schwiegervater in spe und ist außerdem ein Freund der Familie. Nachdem Celestine aber einem Fehlerhaften geholfen hat, verwandelt sich der liebevolle Nachbar in einen berechnenden, brutalen Gegenspieler.

Teil 1: top – Teil 2: flop

Das Buch muss man eigentlich in zwei Teile spalten. Die erste Hälfte war spannend, rasant, voller Emotionen und unfassbar fesselnd. Celestine glaubt an das System, das praktiziert wird. Sie steht auf der Seite derjenigen, die Fehlerhafte kenntlich machen wollen, um die „normalen“ Menschen vor ihnen zu schützen. Doch Celestine ist ein wenig verwöhnt, kommt aus gutem Hause, geht mit dem attraktiven Nachbarjungen und führt auch sonst ein behütetes Leben.

Natürlich wusste man schon von Anfang an, dass Celestine, trotz all dieser Umstände, selbst zur Fehlerhaften abgestempelt wird. Und der Weg dorthin ist Ahern wirklich gelungen. Eigentlich beweist Celestine lediglich Mitgefühl und zeigt Zivilcourage, doch diese ist gegenüber Fehlerhaften verboten. Genau wie Celestine begreift man als Leser einfach nicht, warum einem alten Mann nicht geholfen werden soll, wenn er Hilfe scheinbar so nötig hat.

In der ersten Hälfte des Buches gibt es für den Leser kaum Verschnaufpausen. Die Ereignisse überschlagen sich und es geht Schlag auf Schlag. Damit konnte Ahern die Spannung unglaublich hoch halten. Dies hatte allerdings zur Folge, dass der Sturz in der zweiten Hälfte umso tiefer war.

Ein Mädchen, das gegen ihren Willen als Aushängeschild missbraucht wird

Nachdem Celestine gebrandmarkt wurde und fortan als Fehlerhafte leben muss, rückt ihre Rolle in der ganzen Sache in den Fokus. Die Anhänger der Gilde wollten an ihr ein Exempel statuieren und empfinden sie als gefährlich. Die Gegner der Gilde sehen in Celestine allerdings jemanden, der sich endlich gegen die geltenden Regeln aufgelehnt hat. Dabei will der junge Mädchen einfach nur ihr altes Leben wieder haben.

Doch das sechste Brandmal, von dem bisher nur wenige Menschen wissen, macht sie auch zu einer Waffe. Diese könnte Crevans Fall zur Folge haben. Und nachdem Celestine ihre Wunden geleckt hat und wieder im Sattel sitzt, will auch sie endlich was in Bewegung bringen.

Celestine ist nicht ganz einfach

Leider macht die zweite Hälfte den Eindruck, als hätte die Story hart auf die Bremse gedrückt. Man kann noch nicht mal sagen, dass gar nichts mehr passiert. Aber das Tempo nimmt deutlich ab. Nachdem der erste Teil so spannend war, fällt das noch mehr auf, als es das vielleicht getan hätte, wenn die Geschichte einen konstanten Spannungsbogen gehabt hätte.

flawed

flawed

Mit der Protagonistin Celestine wusste ich lange Zeit nichts anzufangen. Anfangs hat ihr irgendwie genau der Umstand, den ich oben gelobt habe, nämlich, dass sie sich mit dem geltenden System identifiziert, das Genick gebrochen. Sie vertrat die Ansicht, dass die Fehlerhaften von den „normalen“ Menschen selektiert werden müssten. Ihre Vorurteile legte sie aber auch dann nicht ab, als sie verhaftet und in die Zellen gesperrt wurde. Als sie Carrick das erste Mal sieht, kann sie nur darüber nachdenken, welches Vergehen er wohl begangen hat und wie schlimm er wohl sein muss. Dass er gar nichts verbrochen haben könnte oder falls doch, dass er hierfür eventuell gute Gründe gehabt haben mag, kommt ihr gar nicht in den Sinn.

Das Ende kam ganz plötzlich

Diese Ansicht legt sie nur deshalb dann ab, weil sie plötzlich selbst in die Rolle des Opfers schlüpfen muss. Da ändert sich ihre Meinung dann radikal und sie sympathisiert eigentlich mit fast jedem Fehlerhaften. Nur leider versinkt sie zu diesem Zeitpunkt dann auch sehr im Selbstmitleid. Dass sie mit ihrem Schicksal unglücklich ist, konnte ich noch nachvollziehen, die Wut auf ihre kleinen Geschwister allerdings nicht mehr.

Das Ende überschlägt sich dafür wieder. Natürlich greift Cecelia Ahern zu einem Cliffhanger, der mich allerdings nicht dazu bewegen konnte, sofort in die nächste Buchhandlung zu stürmen und mir Teil 2 zu kaufen. Ich fühlte mich ehrlich etwas überrumpelt, dass das Buch SO ausging.

Mit ihrem Versuch, mal ein anderes Genre zu bedienen, hat Ahern keine Vollkatastrophe abgeliefert, konnte mich aber auch nicht begeistern. Hätte sich die erste Hälfte des Buches fortsetzen können, wäre dabei eine richtig gute Dystopie rausgekommen, die es mit der Konkurrenz hätte aufnehmen können. So schmiert Ahern aber ein wenig ab. Sie konnte die Spannung nicht halten und die zweite Hälfte plätschert einfach so vor sich hin, ohne nochmals den nötigen Schwung zu bekommen. Ein typischer Fall von: tolle Idee, holprige Umsetzung!


Flawed: Wie perfekt willst du sein? | Cecelia Ahern
Fischer | 2016 | 480 Seiten | #1 der Flawed-Dilogie
Original: Flawed | übersetzt von: Anna Julia & Christine Strüh
erhältlich als: Hardcover | eBook
Weitere Meinungen zum Buch: Julias Lesewelten | Buchsichten

Hier klicken für die Reihenfolge der Flawed-Dilogie
flawed Teil #1
Flawed: Wie perfekt willst du sein?
flawed Teil #2
Perfect: Willst du die perfekte Welt?


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10 Kommentare

  • Antworten Janine 12. Juli 2017 at 12:37

    Hallo Nelly,

    Ich war eigentlich sehr gespannt auf diese Reihe, aber nach deiner Rezension erinnert mich das ganze sehr an Infernale. Erst mit dem System sympathisieren, als man gebrandmarkt wurde, trotzdem noch Angst vor den Gleichgesinnten haben, in Selbstmitleid baden. Ich fand Infernale ja einfach grottig, weil mich die Protagonistin so genervt hat. Vielleicht nehme ich doch erstmal Abstand von Flawed 😉

    Beste Grüße, Janine

    • Antworten Nelly 13. Juli 2017 at 13:51

      Huhu Janine!
      Ich hab mich während des Lesens tatsächlich manchmal auch an Infernale erinnert gefühlt. Auch da hat mir die erste Hälfte unglaublich gefallen und dann wurde es irgendwie komisch. Daher könntest Du mit Flawed tatsächlich Schwierigkeiten haben. Ich kann Dir hier nicht mal empfehlen, reinzulesen, da die erste Hälfte wirklich nicht schlecht war. Am Schluss war es dann aber trotzdem enttäuschend.

      Alles Liebe, Nelly

  • Antworten Ascari 12. Juli 2017 at 14:58

    Hey 🙂

    Ich habe beide Teile als Hörbuch relativ rasch hintereinander gehört. Wenn du dich für den ersten Teil schon nicht begeistern konntest, wird dir der zweite aber wahrscheinlich auch nicht so sehr zusagen … Mit dem zweiten Teil hatte ich nämlich auch so meine Probleme, weil er für meinen Geschmack sich gerade am Anfang ziemlich in Nebensächlichkeiten verzettelte. Bin aber gespannt, wie du dich entscheiden wirst – sprich: ob du weiterlesen wirst oder nicht :).

    Liebe Grüße
    Ascari

    • Antworten Nelly 13. Juli 2017 at 23:24

      Huhu Ascari!
      Ich tu mir eigentlich immer schwer, eine Reihe abzubrechen und eine Dilogie erst recht, kommt ja „nur noch“ ein Teil. Außerdem interessiert es mich dann doch, wie Celestine Richter Crevan zu Fall bringen wird (weil DASS sie es tut, steht wohl außer Frage). Werd daher irgendwann einmal zu Teil 2 greifen, allerdings muss das jetzt nicht direkt in den nächsten Tagen sein. Vielleicht hör in bei Spotify auch erst mal ins Hörbuch rein…

      Alles Liebe, Nelly

  • Antworten Katja Wolke 12. Juli 2017 at 17:41

    Hallo Nelly,
    eine sehr interessante, ausführliche Rezension bei der ich dir auch in großen Teilen zustimme. Ihr Versuch war gut, aber nicht alles überragend. Vielleicht versucht sie sich ja nochmal an einer anderen Fantasy-Geschichte, muss ja auch nicht direkt eine Reihe sein.
    Ich bin mal gespannt auf den zweiten Teil, was der so geben wird. Evtl Richtung Ende des Monats oder so, gerade habe ich noch ein anderes Hörbuch.

    Liebe Grüße,
    Katja 🙂

    • Antworten Nelly 19. Juli 2017 at 8:46

      Hey Katja!
      Vielen lieben Dank für Deinen Kommentar.
      Leider habe ich vom zweiten Teil noch weniger Gutes gehört als vom ersten. Werd wohl bei Gelegenheit ins Hörbuch reinhören, da das, soweit ich mich erinnere, bei Spotify drin ist. Und dann entscheide ich, ob das Buch tatsächlich noch bei mir einziehen darf. Schauen wir mal…
      Alles Liebe, Nelly

  • Antworten Elli 13. Juli 2017 at 18:56

    Hi Nelly,
    ich habe genau so viel erwartet wie du, und wurde ähnlich enttäuscht. Die Geschichte klang einfach so genial, aber leider ging mir Celestine irgendwann ziemlich auf die Nerven, als dann auch noch diese Andeutungen bzgl. Liebes-Dreieck auftauchten war es für mich vorbei. Teil 1 habe ich als Hörbuch komplett gehört, Teil 2 nur ein paar Kapitel und dann genervt abgebrochen. Es wurde einfach nicht besser.
    Wirklich extrem schade, da die Idee so verdammt viel Potenzial hat!
    Liebste Grüße,
    Elli

    • Antworten Nelly 19. Juli 2017 at 13:34

      Hallo meine Liebe!
      Es war wirklich eine Enttäuschung, oder? Und ich muss Dir recht geben: das Liebesdreieck mit Celestines Schwester war nachher wirklich too much. Vor allem nachdem es ja dann scheinbar doch nicht so war. Was sollte das denn bitte?
      Dass Du nun von Teil 2 noch weniger angetan bist, drückt meine Motivation doch sehr in den Keller. Werd eventuell die Tage mal ins Hörbuch reinschnuppern…

      Alles Liebe, Nelly

  • Antworten Stephie 24. Juli 2017 at 22:48

    Schade, dass ‚Flawed‘ dich nicht begeistern konnte. Ich fand die gesamte Dilogie einfach nur großartig, sodass sie jetzt sogar zu meinen liebsten Dystopien zählt. Aber klar, Geschmäcker sind verschieden und wenn ich mich nicht mit Charakteren identifizieren kann, geht es mir meist genauso. Nur dass ich Celestine total gut verstehen konnte, vor allem ihre Wut auf Juniper. Der hätte ich am liebsten selbst den Kopf abgerissen, allerdings ändert sich das im zweiten Teil noch …

    • Antworten Nelly 25. Juli 2017 at 15:31

      Hey liebe Stephie!
      Gerade diese Dreiecksgeschichte mit June fand ich einfach too much. Das wäre allerdings noch gar nicht so schlimm gewesen. Ich fand die zweite Hälfte einfach so langweilig. Und das, nachdem ich von der ersten Hälfte wirklich auch noch sehr begeistert war.
      Werd mich mal überraschen lassen, wie es in Teil 2 weitergeht.

      Alles Liebe, Nelly

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