Rezension

Schwestern im Sturm // Sibylle Baillon

Ein richtig guter historischer Roman kann einen wirklich fesseln, wenn das Thema gut gewählt ist und darüber hinaus auch gut geschrieben. Zwar handelt es sich nicht um mein absolutes Lieblingsgenre, allerdings mache ich gerne einen Ausflug dorthin. Es ist wie mit Eis. Meine Lieblingssorte ist Schokolade, aber ab und an muss es eben auch mal ein Erdbeereis sein. Schwestern im Sturm spielt zur Zeit der französischen Revolution. Aus irgendeinem Grund fand ich diese Epoche schon immer unglaublich spannend. Da hab ich mich gleich doppelt so sehr auf das Buch gefreut.


Schwestern im Sturm | Sibylle Baillon
dotbooks | 2017 | ca. 316 Seiten | Auftaktband
erhältlich als: eBook


Der Inhalt

Drei Schwestern – drei Schicksale

Frankreich, zur Zeit der Bauernaufstände: Um sie vor dem drohenden Hungertod zu retten, verschafft der Bauer Cotin seinen drei Töchtern eine Anstellung in Paris. Während Madeleine und Marianne in gut gestellten Häusern unterkommen, muss Jeanne vor den Misshandlungen ihres schmierigen Dienstherrn fliehen. Ganz auf sich allein gestellt, nimmt sie ihr Leben selbst in die Hand und baut sich Schritt für Schritt eine eigene Zukunft auf. Immer wieder führt das Schicksal die drei Mädchen in die Nähe der anderen – doch nie treffen sie aufeinander. Trotzdem geben Marianne, Madeleine und Jeanne die Hoffnung nicht auf, sich wiederzufinden. Doch dann bricht die Revolution aus und stürzt das Land ins Chaos …
[ Quelle: dotbooks ]

Meine Meinung

Die drei Schwestern Jeanne, Marianne und Madeleine leben mit ihren Eltern auf dem Land, wo die Hungersnot zwischenzeitlich fast keine Familie mehr verschont hat. Daher lässt der Vater der Mädchen seine zweifelhaften Kontakte spielen, um die Schwestern in Paris unterzubringen.

Jeanne landet im Haus eines schmierigen Krämers, der bereits in der ersten Nacht versucht, das 10-jährige Mädchen zu vergewaltigen. Sie kann flüchten und wird auf der Straße von der Dirne Claire gefunden und aufgenommen. Schnell stellt sich heraus, dass das Kind einen unglaublichen Sinn fürs Kaufmännische hat. Mit einem Bauchladen zieht sie durch die Straßen von Paris und bietet ihre Waren an.

Drei Schwestern, drei unterschiedliche Handlungsstränge und immer wieder kleine Berührungspunkte

Marianne trifft es dagegen von Anfang an etwas besser. Sie soll als Gesellschafterin für eine Gleichaltrige dienen, die aus guten Kreisen kommt. Doch nicht nur, dass sich Mariannes Lebensstandard zum Besseren ändert, sie findet in Germaine auch eine gute Freundin. Darüber hinaus lernt sie Lesen und Schreiben und durch Germaines Vater ist sie immer am Puls der Zeit, was die Geschehnisse in Paris angeht.

Die dritte im Bunde, Madeleine, soll zukünftig in einer Schneiderei helfen und arbeiten, genauso wie es bereits zahlreiche Mädchen vor ihr taten und gemeinsam nun mit ihr tun. Anfangs ist sie etwas überfordert mit der Arbeit, doch sie findet schnell heraus, dass ihr das Nähen eigentlich liegt. Auch sie findet eine Freundin und lernt lesen und schreiben.

Die Inhaltsüberschrift des Verlages „Drei Schwestern – Drei Schicksale“ beschreibt das Buch eigentlich schon ganz gut. Doch obwohl man denken könnte, die drei Schwestern stehen in dieser Geschichte gleichwertig nebeneinander, der irrt. Denn eigentlich ist die jüngste Schwester Jeanne die Protagonistin, der man durch ihr Leben folgt. Obwohl auch die anderen beiden Schwestern ihren Raum bekommen, hatte ich immer das Gefühl als würde sich die Geschichte vor allem um Jeanne drehen.

schwestern im sturm

Eine ausbaufähige Verknüpfung zwischen Fiktion und Realität

Sie ist es auch, die die Verbindung zwischen Fiktion und Realität schafft. Denn auf der Reise nach Paris trifft sie während einer Rast an einem Brunnen einen jungen Mann, nur wenig älter als sie selbst. Er hinterlässt einen bleibenden Eindruck bei ihr und sie denkt auch noch Jahre später immer wieder an den Namen, den er ihr gesagt hat: Napoleon Bonaparte. Nachdem ich mich im Vorfeld etwas über das Buch kundig gemacht habe, hatte ich allerdings die Erwartung, als würde Napoleon eine viel tragendere Rolle in Baillons Geschichte spielen. Allerdings hat mir die Autorin verraten, dass es eine Fortsetzung der Geschichte geben wird und der Schluss des Buches legt eine solche auch nahe. Vielleicht wird meine Hoffnung, dass Napoleon dann tragender zum Vorschein kommt, erfüllt.

Das ganze Buch hat mich etwas zwiegespalten zurück gelassen, wenn ich ehrlich bin. Ich mochte die Idee des Buches unglaublich arg, gerade weil man das Leben gleich dreier junger Frauen verfolgen darf. Sie wachsen heran, erleben gute und schlimme Dinge, raffen sich auf, vergehen an ihrer Verzweiflung und erfahren die Liebe. Als Leser begleitet man die Schwestern über mehrere Jahre hinweg und erlebt, wie sie von Kindern zu jungen Frauen heranwachsen.

Das Buch hätte gerne etwas gestreckt werden dürfen

Und da lag für mich dann auch das Problem begraben. Auf knapp 300 eBook-Seiten prallt ein ganzer Haufen Handlung auf einen ein. Drei Handlungsstränge (und ein paar kleinere Nebenkriegsplätze) beschäftigen den Leser. Das führte allerdings dazu, dass nirgends richtig in die Tiefe gegangen werden konnte. An vielen Stellen hatte ich das Gefühl, fast durch die Handlung gehetzt zu werden. Zwischen den Charakteren wird so schnell gependelt, dass es mir schwer fiel, mich auf sie einzulassen und sie wirklich kennenzulernen. Das kam durch den langen Handlungszeitraum noch viel mehr zum Vorschein als es dies getan hätte, wenn die Zeitspanne nur wenige Wochen oder Monate betragen hätte.

Abgesehen davon empfand ich Sibylle Baillons Schreibstil als sehr angenehm und flüssig. Ich hatte keinerlei Probleme, der Erzählung zu folgen und ein richtig gutes Händchen hat die Autorin für das Setting bewiesen. Das Paris des 18. Jahrhunderts ist ihr wirklich gut gelungen.

Mein Fazit

Schwestern im Sturm weist auf der Haben-Seite ein wirklich gelungen konstruiertes Setting, einen schönen Schreibstil und Charaktere auf, die wirklich Potenzial haben, im Gedächnis zu bleiben. Die Idee, drei Handlungsstränge parallel verlaufen zu lassen und immer wieder kleine Verknüpfungspunkte einzubauen, hat viel Spaß gemacht und hält die Spannung beim Leser auf einem guten Level. Allerdings wird das Lesevergnügen etwas dadurch getrübt, dass alles so schnell an einem vorbei rauscht.

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